Open Shorts - Hassliebe
Hassliebe
Eine Geschichte ĂŒber absolute GegensĂ€tze und deren Anziehung.
© 01/2013 Coyote/Kojote/Mike Stone
Fair warning:
Das Thema ist nicht ohne, denke ich. Und die Perspektive verstÀrkt das, hoffe ich.
Gewalt spielt eine Rolle. Weniger sexuelle Gewalt, als sonstige. Politische Ideologien bilden eine Rahmenhandlung und es gibt - da will ich ganz offen sein - eine offensichtliche *********igungssituation ziemlich nah am Anfang. Also Finger weg, falls dich das triggert. Falls du darauf spekulierst, dass es eine ****-Fantasy ist, wirst du allerdings auch enttÀuscht werden.
Heftig ist die Geschichte - hoffe ich jedenfalls, denn das soll sie sein - aus anderen GrĂŒnden.
âDrei Tage aus dem Knast, in dem ich so ziemlich mein ganzes Erwachsenenleben verbracht habe. Und schon bin ich wieder dabei, mich in Schwierigkeiten zu bringenâ, denkt er sich genervt. âAch, scheiĂ draufâŠâ
Es gibt Auseinandersetzungen, denen man aus dem Weg gehen sollte.
Die kleine StraĂenschlacht zwischen Rechten und Linken im Viertel, in dem er einen Unterschlupf fĂŒr die nĂ€chste Zeit gefunden hat, gehört zu dieser Sorte. Mit der Kapuze ĂŒber dem Kopf und gesenktem Kopf geht er den herumrennenden Spinnern aus dem Weg. Seine GröĂe sorgt dafĂŒr, dass es niemand so richtig eilig hat, ihn zu fragen, ob er irgendwo dazugehört.
Seine Chancen stehen gut, irgendwo ein ruhiges PlÀtzchen zu finden und die Sache auszusitzen. Jedenfalls solange ihm niemand in die Visage schaut.
Dann hört er den Schrei aus der Gasse. Und die Chancen sind am Arsch, denn es gibt auch Auseinandersetzungen, denen man aus dem Weg gehen kann. Wenn man will.
FĂŒr Erik gehört ein panischer, weiblicher Schrei voller Todesangst in einer vermĂŒllten Seitengasse bei einer StraĂenschlacht zur Feier irgendeines Nazi-Feiertags allerdings nicht in diese Kategorie. Nicht mehr, seit er seine Mutter und seine Schwester so schreien hörte.
Schnell bewegt der 24-JĂ€hrige sich durch den Unrat in Richtung Ende der Gasse.
Er weià bereits in etwa, was er sehen wird. Und seine Erwartung wird nicht enttÀuscht. Wohl aber seine Hoffnung, rechtzeitig zu kommen.
Die unvermeidliche Auseinandersetzung stellt ihn gegen vier Glatzen. Momentan ahnen die allerdings noch nichts von ihrer allernÀchsten Lebenserfahrung mit ihm. Ihre Aufmerksamkeit gilt der Frau, deren Schrei er gehört hat.
Sie ist ganz offensichtlich von der gegnerischen Seite des fröhlichen GeprĂŒgels auf der StraĂe. Rastazöpfe, Piecings, Punkstyle bei Klamotten und Tattoos. Und ihr Pech ist, dass sie ziemlich gut aussieht. Soweit er Erik das sehen kann.
Alles kann er nicht erkennen. Ihr Shirt und ihre Hose haben es hinter sich, aber auf ihrem Mund und ihren BrĂŒsten liegen groĂe HĂ€nde und packen nicht eben zĂ€rtlich zu. Und zwischen ihren Beinen steht einer der Typen und amĂŒsiert sich offenbar bereits prĂ€chtig.
Die Kleine - an ihr ist wirklich nicht viel dran⊠Was zum Henker hat sie hier zu suchen? - ist jenseits gezielter Gegenwehr. Sie hatte nie eine Chance und jetzt lernt sie, weswegen sie besser Zuhause geblieben wÀre. Nur leider zu spÀt, um sie noch vor dem Schlimmsten zu bewahren.
Aber das ist natĂŒrlich kein Grund, auch nur eine Sekunde zu zögern.
âHey!â, sagt Erik.
Laut genug, um wahrgenommen zu werden. Mehr nicht.
Die Glatzen blicken auf. Aber sie lassen ihr Opfer nicht los. NatĂŒrlich nicht.
âVerpiss dich, Punk!â, schnauzt einer von ihnen.
Er hÀlt der Kleinen den Mund zu und scheint das Kommando zu haben. Auf einen Wink seines Kopfes hin wenden sich die zwei am wenigsten involvierten Typen dem Neuankömmling zu.
Erik lĂ€sst sich nicht lange bitten und korrigiert das MissverstĂ€ndnis. Als er die Kapuze zurĂŒckschlĂ€gt, runzeln sich vier Stirnpartien.
âAlterâ, macht einer von ihnen. âWarum schleichst du dich so an?â
Sie kennen ihn nicht. Aber wie sollen vier Glatzen eine Stirn mit einem auftÀtowierten Hakenkreuz missverstehen?
Erik zögert auch diesmal nicht. WÀhrend sich die MÀnner entspannen, tritt er nÀher. Und als sie sich wieder ihrem Opfer zuwenden wollen, schlÀgt er zu.
Zwei SchlĂ€ge, zwei zertrĂŒmmerte Kehlköpfe. Den Rest wird Mutter Natur erledigen.
Die beiden Ăberlebenden haben genug Zeit, sich zu fragen, was da gerade passiert ist. Genug Zeit, um sich zu erschrecken, sich verraten zu fĂŒhlen und den AdrenalinstoĂ zu spĂŒren.
Dann ist es nur noch einer. Der Typ am Kopf der Kleinen wird ebenfalls niemandem mehr wehtun. Das Knacken, als sein SchÀdel gegen die Wand knallt, die das Ende der Gasse markiert, ist mehr als eindeutig.
Der Letzte zieht sich aus dem MĂ€dchen zurĂŒck und verschwendet dabei mehr Zeit, als ihm noch verbleibt.
Erik befördert ihn mit einem Tritt vor die Brust gegen die Wand und hat bereits eine der Metallstangen, die den SchlĂ€gern als gerade nicht benötigte Bewaffnung zur VerfĂŒgung stand und achtlos auf dem Boden liegt, aufgehoben.
Vermutlich wird niemand die Leichen so schnell finden, aber wenn es passiert, sollten sie nicht aussehen, wie von einem Profi getötet. Also brauchen sie eine Nachbehandlung.
Der letzte der Vier ist auf dieser Liste der Erste und stirbt schneller, als er es verdient hÀtte. Seine beiden noch röchelnden und zuckenden Kameraden folgen ihm bald.
Die kleine Zecke realisiert derweil, dass sich etwas verĂ€ndert hat. Und natĂŒrlich versteht sie gar nichts, als sie die Augen öffnet.
Aber sie sieht. Und zwar, was ihre Peiniger auch gesehen haben. Weswegen sie gleich noch mehr in Panik gerÀt.
******** wĂ€re ja auch zu schön gewesenâŠ
Erik kann sie nicht gehen lassen. Er muss untertauchen und sie wĂŒrde jedem ihrer Freunde erzĂ€hlen, was sie gesehen hat. Das wĂŒrde zwangslĂ€ufig diejenigen, die Erik gerne wiedersehen wollten, weil er ihnen so viel Geld eingebracht hatte, auf den Plan rufen.
Er ist sich sicher, dass man die Suche nach ihm zÀhneknirschend aufgeben wird, wenn er einfach nur untertaucht. Er ist ersetzbar, und solange er nicht zur Presse oder Polizei rennt und seine Geschichte erzÀhlt, ist er auch kein extremes Risiko. Nur eine Unbekannte in der Gleichung.
Die logische Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Zumindest fĂŒr den Moment muss das MĂ€dchen mit ihm untertauchen.
Ihr gefÀllt das nicht. Als sie versucht, sich aus dem Staub zu machen und von ihm abgefangen wird, wehrt sie sich mit neuer Kraft. Todesangst lÀsst sie ihre letzten Reserven mobilisieren.
NatĂŒrlich ist sie ihm nicht gewachsen, aber er will ihr auch nicht wehtun. Nur ist er in dieser Disziplin des Nahkampfes nicht sehr erfahren. Also nutzt er das absolute Minimum seiner Kraft.
Die kleine Ratte macht es ihm nicht leicht. Sie sieht eine Chance, da sein Griff nicht sehr fest ist. Also kÀmpft sie.
Sicherlich⊠Das Gewicht ihres anderthalb Meter langen Körpers liegt irgendwo im Bereich eines seiner Beine. Aber sie ist wendig wie ein Aal. Und in etwa so kooperativ.
Das ist nicht gut. Sie muss mitspielen, wenn das glimpflich ausgehen soll.
âWillst du leben oder sterben?â, knurrt er.
Das wirkt. Sie ist sofort stocksteif und rĂŒhrt keinen Muskel mehr. Der vierfache Beweis seiner Ernsthaftigkeit liegt ziemlich breitgetreten in der Gasse.
âAlso leben?â, schlĂ€gt er vor.
Sie deutet ein Nicken an.
Und dann⊠dann fĂ€ngt sie an zu weinen. Und Erik zerreiĂt es fast.
Er wĂŒrde ihr gern sagen, dass er sie nicht töten wird. Aber selbst wenn sie ihm das glauben wĂŒrde, wĂŒrde sie seine ErklĂ€rung fĂŒr die TĂ€towierung niemals kaufen. Also muss er sie leiden lassen.
Fuck!
Wahrscheinlich ist das auch nicht besser, als das, was sie gerade noch erlebt hat.
Zusammen mit Erik verbringt sie Stunden hinter einem MĂŒllcontainer. Er hĂ€lt sie fest. Die Hand auf ihrem Mund, damit sie nicht schreit. Sicherheitshalber.
Er muss die Dunkelheit abwarten. Sein auserkorenes Versteck ist nicht weit, aber wenn ihn irgendwer mit dem fast nackten MĂ€dchen sieht, ist es nicht mehr sicher. Also muss sie weiter leiden.
âIch werde dir nichts tunâ, raunt er ihr ins Ohr.
Sie schluchzt nur.
âIch habe die Vier nicht von dir weggeschafft, um dich zu verletzen. Aber ich kann dir auch nicht trauen, also musst du bei mir bleiben, bis es sicher ist, dich gehen zu lassen.â
Ihr Schluchzen wird stÀrker.
Verdammt! Was hat er gesagt, was sie in Angst versetzt?
âAbgesehen von der Auffrischung der Erinnerung daran, dass du vier Leute vor ihren Augen umgebracht hast, meinst du?â, stellt er sich selbst die Gegenfrage. âDu Vollidiot!â
Das ist der Beweis. BĂŒcher ĂŒber Diplomatie und Psychologie zu lesen ist einen ScheiĂ wert, wenn man das Wissen nicht auch umsetzen kann.
GlĂŒcklicherweise beruhigt sie sich bald wieder und er versucht, sie so sanft wie möglich zu halten. Aber er muss aufpassen. Die StraĂenratten von heute - und sie ist eine, da ist er sich sicher - sind ganz sicher nicht langsamer als zu seiner Zeit.
Und als er in ihrem Alter war, war er verdammt flink.
Als die DĂ€mmerung herannaht, wird aus ihrem stĂ€ndigen Zittern ein SchĂŒtteln. Sogar ihre ZĂ€hne klappernâŠ
âOh, Erik!â, sagt er sich. âDu dĂ€mlicher Vollpfosten! Sie friert!â
Das Schluchzen ist sofort wieder da, als er sich erhebt und sie an die Wand drĂŒckt.
NatĂŒrlich versteht sie nicht, weswegen er sie mit einer Hand ĂŒber dem Mund fixiert und mit der anderen aus dem MantelĂ€rmel schlĂŒpft.
Ihre Augen verraten ihre Vermutung. Ebenso wie die neuen TrÀnenströme.
Als er die Hand wechselt, versucht sie nicht zu schreien. Aber das als gutes Zeichen zu werten wĂ€re wohl zu optimistisch. Die Angst schnĂŒrt ihr eher die Kehle zu.
Sie begreift erst, als er den Mantel aus hat, sie vorwĂ€rts zieht und ihn ihr umlegt. Erst dann tritt fĂŒr einen Sekundenbruchteil irritierte Dankbarkeit in ihren Blick, bevor das Misstrauen wieder ĂŒberwiegt.
Aber wenigstens zittert sie nicht mehr, als er sie wieder in den Arm nimmt und ihren RĂŒcken an seine Brust zieht.
Mit der Dunkelheit wird es ruhiger.
Was sich zunĂ€chst zu Krawallen ausgewachsen hat, verebbt nun. Nachts sind alle Katzen grau und auĂerdem kommen dann andere Raubtiere hervor. Auch solche, die Katzen besonders delikat finden.
Erik fĂŒrchtet diese menschlichen RĂ€uber nicht. Aber auf eine Begegnung legt er auch keinen Wert. Also wird es Zeit aufzubrechen.
âWir gehenâ, erklĂ€rt er. âEs ist nicht weit und dir wird nichts passieren.â
Sie nickt langsam.
NatĂŒrlich versucht sie es, als er mit ihr an der StraĂe ankommt.
In dem Moment, in dem er sich umsieht, will sie sich losreiĂen. Er zuckt nicht einmal zusammen. Selbst mit all ihrer Kraft kĂ€me sie nicht gegen eine seiner HĂ€nde an.
Worte sind unnötig. Sie musste es versuchen. Er nimmt es ihr nicht ĂŒbel. Stattdessen hebt er sie hoch und trĂ€gt sie die zweihundert Meter bis zu seinem Unterschlupf.
Es ist eine Ruine. Ein abgebranntes Haus mit kaum mehr als in paar WĂ€nden vom ErdgeschoĂ.
Und einem Keller, fĂŒr den Erik den SchlĂŒssel hat, der all die Jahre seit dem *** seines GroĂvaters an seinem Platz lag, ohne gefunden zu werden.
NatĂŒrlich gibt es andere Wege in den Keller zu gelangen. Nichts von Wert ist darin zurĂŒckgeblieben. Nichts auĂer Opas ganz privatem Geheimzimmer. Dort hat Erik alles unverĂ€ndert vorgefunden.
Das MĂ€dchen kennt den Keller. Er merkt an ihrer Anspannung, wie sehr es sie ĂŒberrascht, das er einen SchlĂŒssel hat. Und dann an ihrem Keuchen, wie fassungslos sie ist, dass es einen geheimen Raum dort gibt.
Das unmittelbar folgende, röchelnde Luftholen gilt allerdings mehr dem Interieur, wie er annimmt.
Ja. Opa war ein Nazi. Noch nicht geboren, als der Krieg stattfand, aber von einem ideologisch reinrassigen und straffrei entkommenen Parteimitglied in bester Tradition erzogen.
Das Zimmer ist voller Andenken an eine andere Epoche. FrĂŒher war Erik davon zutiefst beeindruckt. Heute bedeutet es ihm nichts mehr.
Aber der Kleinen bedeutet es etwas. Es bedeutet ihr, in der Hölle zu sein.
Als er die TĂŒr hinter sich verschlossen hat, ist sie frei. Mit hochgezogenen Schultern versteckt sie sich in seinem Mantel und sieht sich angewidert um.
âMachs dir bequemâ, bietet er an. âDa hinten ist eine Toilette. Es gibt sogar flieĂend Wasser aus dem Hahn, falls du dich waschen willst. Aber es ist kalt.â
âNazischwein.â
Erik zieht eine Augenbraue hoch. Das Wort geht ihm Lichtjahre am Arsch vorbei. Aber das kann sie nicht wissen.
âIst das schlau?â, fragt er.
Sie starrt ihn feindselig an.
âVergiss es.â Er winkt ab. âDenk, was du willst.â
Als er sich abwendet, springt sie zur TĂŒr. Aber daran kann sie rĂŒtteln, soviel sie will. Opas Raum ist ein kleiner Luftschutzkeller. Ziemlich sicher, wenn man nicht gerade einen Atomkrieg erwartet.
Erik setzt sich, lehnt sich zurĂŒck und schlieĂt die Augen.
Nicht, weil er wirklich schlafen will. DafĂŒr ist er zu aufgekratzt. Aber die Kleine soll sich ein wenig beruhigen, und wenn er sich ruhig verhĂ€lt, gelingt ihr das sicherlich besser.
TatsĂ€chlich erweist sich diese angewandte Erkenntnis aus âPsychologie Heuteâ von vor zehn Jahren als richtig. Eines Fluchtweges beraubt und mit einem ideologischen Gegner vor der Nase, der sich auf kein StreitgesprĂ€ch entlassen will, sieht sie sich noch einmal um. Dann verschwindet sie im Bad.
Den GerĂ€uschen nach zu urteilen reiĂt sie zuerst einige Bilder von den WĂ€nden und wĂ€scht sich dann. Letzteres sehr lange und ausgiebig. Interessante PrioritĂ€tenverteilung.
Erik nutzt die Zeit, um eine Konserve zu öffnen. Die VorrĂ€te sind ein Jahrzehnt alt. Aber sie sind fĂŒr ein Jahrhundert ausgelegt. So in etwaâŠ
Nach einer guten halben Stunde kommt sie wieder. Seinen Mantel gibt sie nicht auf. VerstÀndlicherweise.
âHunger?â
âNazifrass.â
âDas Spiel können wir ewig spielen.â
Er dreht sich zur Kommode, öffnet die Schublade und erwartet ein paar Klamotten von seinem GroĂvater. Er findet etwas anderesâŠ
âFuck!â
Ungebeten und unvermeidlich sind die TrÀnen da.
âReiĂ dich zusammen, Erik!â
Langsam und mechanisch nimmt er das Kleidchen aus der Schublade.
Es gehörte seiner Schwester. Es war ihr Lieblingskleid, als sie etwa im Alter der Kleinen gewesen war. Warum musste er ausgerechnet auf sowas stoĂen?
Kurz streichelt er ĂŒber den Stoff. Dann reiĂt er sich zusammen.
âHier.â
Er reicht das Kleid ohne einen Blick zur Seite. Mehr zu sagen ist nicht drin. Mehr gibt die Stimme nicht her.
âIch will deinen NaâŠâ
âNicht! Bitte⊠Beschimpf mich, den Raum, meinen GroĂvater, aber lass sie da raus. Sie hat niemandem etwas getan.â
âAber genĂŒtzt hat ihr das auch nichtâ, fĂŒgt er in Gedanken hinzu.
Erstaunlicherweise schweigt die Kleine.
Sie nimmt sogar das Kleid und verschwindet noch einmal im Bad. Zwar trÀgt sie danach noch immer den Mantel, aber wenigstens hat sie jetzt etwas drunter.
Das ist gut.
âAlso?â, fragt sie und setzt sich.
âAlso?â, fragt er zurĂŒck.
Was wird das jetzt?
Als sie schnieft, sieht er sie an.
Sie blickt zu Boden und plötzlich ergibt alles einen Sinn. Sogar ihr streitsĂŒchtiges Verhalten.
Stille *****t dich zum Nachdenken. Und sie hat gerade ein paar deftige Dinge, ĂŒber die sie nachdenken muss, wenn sie sich nicht ablenken kann.
Das hat Erik nicht bedacht.
Er sieht sie an. Ihre Unterlippe zittert und Tropfen fallen auf ihre HĂ€nde in ihrem SchoĂ. Der Mantel klafft auf und darunter ist das Kleid seiner Schwester.
Sollte er� Ach, fuck it!
âSchlieĂ die Augen.â
Sie schreckt hoch und sieht ihn an. Misstrauisch. VerÀngstigt.
âVertrau mir.â
âJa genauâ, sagt seine innere Stimme. âDas wird sie jetzt mit Freuden tun.â
Aber sie tut es. Langsam. Zögerlich.
Sie zuckt zusammen, als er sich auf das winzige Bett setzt, an dessen FuĂende sie sich niedergelassen hat. Und noch einmal, als er sie in den Arm nimmt und mit sich zieht.
Dann verharrt sie regungslos wie ein kleines Nagetier im Angesicht der Schlange. Minutenlang.
Als sie anfÀngt zu weinen, ist es wie eine Kapitulation.
Erik kann ihr nicht helfen sich abzulenken. Darin ist er nicht gut. Aber Einsamkeit und Verzweiflung versteht er.
Er kann sie halten. Und trotz der riesigen Kluft zwischen ihnen ist es das, was sie jetzt am meisten braucht. Also klammert sie sich an ihn, wie eine Ertrinkende.
Und weint.
Stundenlang.
Zweiundsiebzig Stunden spÀter ist alles fast gleich. Und doch völlig anders.
Der Raum bietet keine Bewegungsfreiheit. Und er drĂŒckt aufs GemĂŒt. Aber er ist sicher.
Es gibt Essen, ein Bett, ein Klo, flieĂend Wasser und genug WĂ€rme. Zumindest unter der Bettdecke.
Erik liegt weiterhin im Bett und hÀlt das MÀdchen im Arm. Sie hat nicht viel gesprochen, aber etwas gegessen. Und nun hört sie zu.
âRede mit mirâ, hatte sie nach einigen Stunden unruhigen Schlafs gesagt. âBitteâŠ!â
Aber Erik ist kein ErzÀhler. Also liest er ihr etwas vor.
Mittlerweile ist es mehr als eine Ablenkung. Mittlerweile hört sie genau zu und folgt der Handlung.
Er merkt es an der Art, wie sie manchmal fester zupackt, wo sie sich an ihm festhÀlt. An der Art, wie sich ihre FingernÀgel in seine Haut graben. Und daran, wie die TrÀnen darauf tropfen.
Es ist kein lustiges Buch. Eher das exakte Gegenteil.
Der Titel lautet âDas wunderbare Ăberlebenâ und es ist von einem polnischen Juden nach seinen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg geschrieben worden.
Dass Erik gerade dieses Buch zur Hand hat, kommt ihm wie ein Wink des Schicksals vor. Denn es schlĂ€gt eine BrĂŒcke zwischen ihm und dem MĂ€dchen, die er niemals selbst hĂ€tte schaffen können.
Es hat ein bitteres Ende, aber es handelt von Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit. Und es handelt von Menschen, die sich ĂŒber ideologische Grenzen hinweg verstĂ€ndigen.
Es ist ein gutes Buch.
Drei Tage hat er gebraucht, um es vorzulesen. Sie hat ihm wenige Pausen gegönnt. Und er war froh, etwas zu tun zu haben.
Nun ist es vorĂŒber und er fĂŒhlt sich, als wĂŒrde er eine ErkĂ€ltung bekommen. So viel spricht er sonst in zwei Jahren nicht.
Aber es ist gut, denn die Kleine denkt nun ĂŒber etwas anderes nach als das, was ihr wiederfahren ist. Sie beweint nicht mehr ihr Schicksal.
Zu Tode erschöpft von der fast ununterbrochenen Wachphase schlĂ€ft sie ein. Und Erik schlieĂt ebenfalls die Augen.
*****
Als sie aufwacht, ist ihr sofort bewusst, wo sie sich befindet. Aber diese Erkenntnis hat ihren Schrecken verloren.
Der GroĂe - sie hat ihn noch immer nicht nach seinem Namen gefragt - schlĂ€ft. Sie weiĂ das sicher, denn ihr Kopf liegt auf seiner Brust. Sein leichtes Schnarchen lĂ€sst sie fast mit vibrieren.
Aber es war auch dieses Schnarchen, das ihr den Halt gegeben hat, wenn sie aus dem Schlaf hochschreckte. Die TrÀume sind vage geblieben. Dank des⊠Nazischweins.
Langsam öffnet sie die Augen und blickt auf seine Haut. Hakenkreuze sind nicht das Einzige, was dort eigentlich ihre Wut erregen musste. Aber diese Gedanken sind so fernâŠ
Wie er ihr vorgelesen hat⊠Anfangs so unsicher und dann immer fester. Er kannte das Buch schon. Aber welche Glatze liest denn solche BĂŒcher?
Oder erschlÀgt in Sekundenschnelle vier andere Glatzen, was das angeht?
Er wird ihr nicht wehtun. Das hat er gesagt und jetzt glaubt sie ihm.
Er hĂ€tte schlieĂlich auch schon lĂ€ngst gekonnt. Er ist so stark, dass sie es kaum fassen kann. So unglaublich groĂ und massiv undâŠ
Schluss damit. Das fĂŒhrt nirgendwohin!
âVielleicht ist er ja schwul?â, fragt sie sich dennoch weiter.
Gedankenverloren fÀhrt sie mit dem Finger das Symbol der Schreckensherrschaft nach, deren ewig gestrige AnhÀnger sie ihr Leben lang gehasst hat.
Nein. Er ist nicht schwul. Sein StÀnder mag schlafbedingt sein, aber er reagiert ganz bestimmt auf ihre Anwesenheit.
Es ist warm im Raum. Stickig nach so vielen Tagen. Es mĂŒssen viele gewesen seinâŠ
Lisa löst sich langsam von ihm und richtet sich auf. Sein Schnarchen verstummt. Aber es spielt keine Rolle.
Oder vielleicht spielt es auch die HauptrolleâŠ
Langsam zieht sie sich das Kleid aus. Es bedeutet ihm etwas. Das hat sie ihm angesehen. Aber es ist zu warm.
Sie hat nichts sonst. Aber sie braucht auch nichts sonst. Es ist warm. Sie ist sicher. Er wird ihr nichts tun.
Sie legt sich wieder hin. Schmiegt sich an den schrecklichen Körper. FÀhrt wieder mit dem Finger die Konturen nach.
Lisa hasst dieses Symbol. Das ist eine Tatsache.
Er ist wach. Kein Zweifel. Und seine Erregung steigt.
âDu bist kein Naziâ, stellt sie fest.
âNein.â
âAber du warst einer.â
âJa.â
âHast du jemalsâŠ?â
âNein!â
Er sagt es so hart und leidenschaftlich, dass sie nicht zweifelt.
âWarum dann?â
Sie muss es wissen!
âMeine Familie hing an dieser Idee wie an einer Lieblingsjackeâ, erklĂ€rt er. âIch habe selten ĂŒber den Tellerrand gesehen. Aber wenn ich es tat, waren da nur die TĂŒrken, die Russen und die anderen Gruppen. Nur Feinde. Aber gemeinsam waren wir stark.â
âAlso musstest du dazugehören. Zum SchutzâŠâ
âNein. Ich glaubte. Wahrscheinlich mehr als die meisten anderen, weil ich mehr ĂŒber die Vergangenheit wusste.â
âAberâŠ?â
Er stockt.
âKein Aber. Ich habe erst im Knast verstanden, dass jede Ideologie Blödsinn ist und es nur einen Gott gibt.â
âDu glaubst an Gott?â, keucht sie erstaunt.
Das kommt ĂŒberraschend!
âJeder glaubt an diesen Gott. Geld ist allmĂ€chtig und seine Macht ist unĂŒbersehbar.â
Lisa schweigt. Das muss sie ĂŒberdenken.
Geld. Kapitalismus. Nationalsozialismus.
Wie kann er angenehm riechen, obwohl er sich tagelang nur gewaschen hat?
Wie schlimm riecht sie selbst wohl?
WĂŒrde es ihn stören?
Als sie seine Brust kĂŒsst, fragt er:
âW-was tust du?â
Lisa spĂŒrt eine Welle der WĂ€rme und Zuneigung, als sie diesen hilflosen, unsicheren Tonfall hört.
Er ist so stark. Er hat ihr das Leben gerettet. Und nun ist er hilflos.
âNichtsâŠâ, haucht sie, kombiniert mit einem zweiten Kuss.
âKleinesâŠâ
âLisaâ, korrigiert sie.
Er will etwas antworten, aber sie rutscht zu ihm hinauf.
Er trĂ€gt noch seine Hose. Nur das Shirt hat er irgendwann abgelegt. Aber trotzdem spĂŒrt sie seinen Schwanz an ihrem Bein, als sie es darĂŒber gleiten lĂ€sst.
Sie kĂŒsst seine Lippen und er starrt sie an.
Angst steht in seinem Blick.
Angst?
Vor ihr?
Sie schaut genauer hin.
Er ringt mit sich. KĂ€mpft.
ErâŠ
Er will ihr nicht wehtun!
âMach mir schöne Erinnerungen und töte die schlechten, wie du die Bastarde getötet hastâ, wispert sie.
Warum weint sie dabei?
âKleinesâŠâ, stöhnt er gepresst, denn sie reibt ihren Unterleib an seinem StĂ€nder. âLisaâŠ!â
âJa! Sag meinen Namen. Und sag mir deinen, damit ich ihn schreien kann, wenn ich kommeâŠâ
Das ist verrĂŒckt. Ohne jeden Zweifel.
Aber sie kann nicht anders. Er⊠braucht es. Und sie⊠will es.
Ruckartig richtet er sich auf. Aber Lisa hĂ€lt sich fest. SchlieĂt ihn in die Arme und presst ihre Brust an seine.
Seine Kiefer mahlen. Eine Ader an seiner SchlÀfe pocht.
Er kĂ€mpft. FĂŒr sie. Um sie zu schĂŒtzen.
âJa!â, denkt sie. âKĂ€mpf weiter. KĂ€mpf, bis du nicht mehr kannst. Und dann fick michâŠâ
âWir können nichtâŠ!â, grunzt er.
âDu kannst. Ich fĂŒhle es sehr deutlichâ, haucht sie lockend.
âDu⊠IchâŠâ, stammelt er.
Hilflos drĂŒckt er sie gegen die Wand und versucht, ihre Arme an seinem Nacken zu lösen.
Lisa schlingt dafĂŒr die Beine um seine HĂŒften.
Ihr Stöhnen ist ungeplant, aber was soll sie tun? Er fĂŒhlt sich einfach so gut an.
âWir sollten nicht⊠Du hast doch erstâŠâ
âIch wollte noch nie einen Mann so sehr wie dichâ, sagt sie. Es sprudelt einfach heraus. âIch hasse, was du darstellst. Und ich liebe, was du bistâŠâ
âDu kannst nichtâŠâ, knurrt er fast schon wĂŒtend.
âIch kannâŠâ
Mit den freien HÀnden greift sie nach unten und öffnet seine Hose.
Sex war immer ein netter Zeitvertreib und eine Drohung zugleich. Aber niemals exakt im gleichen Moment. Niemals so wie jetzt.
Er ist pure Gewalt. Er ist so groĂ, dass es wehtun wird. Und es wird wunderbar sein.
âFĂŒhlst duâ, fragt sie, âwie sehr ich dich willâŠ?â
Seine Eichel liegt frei und steht vor ihrer Muschi.
Es ist feucht dort. Sie weiĂ es.
Er vibriert vor Anspannung. Seine Muskeln sind zum ZerreiĂen gespannt. All seine Kraft auf die Beherrschung konzentriert.
Er starrt sie an.
Seine Augen verraten, wie sehr er sie will. Mehr als alles andere.
Aber er wird es nicht tun. Wegen ihr wird er nicht aufgeben.
Etwas passiert. Aber nicht bei ihm. Bei ihr. In ihr!
So ist es noch nie gewesen.
Er berĂŒhrt doch nicht einmal ihren KitzlerâŠ
âGott!â, presst sie hervor. âIch komme! Deinen Namen!â
âWas?!â
âDeinennamen!â
âErik?â
Alles dreht sichâŠ
Um ErikâŠ
Instinktiv zieht sie mit ihren Beinen an ihm, wĂ€hrend ihr schwindelig von einem GefĂŒhl wird, wie sie es sonst kaum selbst hervorrufen kann.
Sie zieht, aber er bleibt standhaft. RĂŒhrt sich keinen Millimeter.
Im Gegensatz zu LisaâŠ
âOhmeinGottErik!â, schreit sie.
âFuck!â, stöhnt er zur gleichen Zeit.
Es ist, als wĂŒrde eine kleine Faust in ihren Körper eindringen.
Der Schmerz ist so intensiv, dass er nicht mehr wehtut.
Er tut⊠guuut!
âSag-mirâŠâ, japst sie, âdu-mich-liebst!â
âFuck!â, stöhnt er wieder.
Immer weiter und weiter sprengt er sie auf. Das GefĂŒhl rast durch ihren ganzen Körper.
Sie bekommt keine LuftâŠ
âNie-mals-ver-lass-senâŠâ, winselt sie hilflos.
âLisa!â
âJa!â, denkt sie, wĂ€hrend sie vor GlĂŒck aufschreit. âJa! Er tut es!â
Erik verliert den Kampf mit seiner Selbstbeherrschung und seine HĂŒfte bewegt sich.
Die IntensitÀt ist unertrÀglich. Aber Lisa will mehr.
Niemals in ihrem Leben hat sie sich so lebendig gefĂŒhlt, wie in diesem Moment.
Der Mann vor ihr mit den Hakenkreuz-TĂ€towierungen ist ihr personifizierter Teufel. Und trotzdem rettet er ihre Seele.
Die Jahre des ewigen Katz-und-Maus-Spiels mit all den anderen Jugendlichen der Gegend sind vorbei. Lisa hat einen Mann gefunden. Und an seiner Seite wird sie niemand anderen mehr mit ihrem Körper bezahlen mĂŒssen. Nur noch ihn, bei dem die Rechnung sie fast *******t.
Ihr unterentwickeltes Schmerzempfinden hat endlich einen wĂŒrdigen Gegner gefunden. Und ihr abgestumpfter Verstand ist endlich hellwach.
Sie fĂŒhlt!
Sie weiĂ nicht, wie tief er in ihr steckt. Aber sie fĂŒhlt, wie er kommt.
Er schreit es heraus, aber sie fĂŒhlt es auch.
Dann stöĂt er einmal zu und ihr gehen fast die Lichter aus.
Ihre Körper pressen sich aufeinander und er ist in ihr. Ganz und gar in ihr.
Er hat einen Punkt passiert, den niemals zuvor ein Mann erreicht hat. Aber ihm gelingt es und er verströmt sich dort, wo er die Saat fĂŒr neues Leben pflanzen könnte.
Seit Jahren fĂŒrchtet sie das Leben.
Nun - noch nicht sofort, aber bald - fĂŒrchtet sie zum ersten Mal den ***.
Eines der Ergebnisse meiner Phase, in der ich einige âGegensĂ€tze ziehen sich anâ AnsĂ€tze angefangen habe. Zecke/AuslĂ€nderin/Pazifistin liebt Skin/Hooligan - das war die vage Ausgangslage und bei diesem Ding hier kam die - fĂŒr mich doch eher neue - 3te Person PrĂ€senz als Perspektive dazu.
Ich wĂŒrde es nicht fertig nennen, aber als ich es gestern mal wieder zur Hand nahm, fand ich es auch nicht unfertig. Mir kam es so vor, als wĂŒrde die Perspektive mit dem Thema harmonieren und ich wollte mal sehen, wie andere das empfinden. Betrachtet es als Kurzgeschichte. Ob ich es weiterschreibe, werde ich sehen, aber so kann man es mit offenem Ende ja durchaus stehen lassen.
Interessieren wĂŒrde mich, was fĂŒr GefĂŒhle es weckt und ob es eben wirkt.
Eine Geschichte ĂŒber absolute GegensĂ€tze und deren Anziehung.
© 01/2013 Coyote/Kojote/Mike Stone
Fair warning:
Das Thema ist nicht ohne, denke ich. Und die Perspektive verstÀrkt das, hoffe ich.
Gewalt spielt eine Rolle. Weniger sexuelle Gewalt, als sonstige. Politische Ideologien bilden eine Rahmenhandlung und es gibt - da will ich ganz offen sein - eine offensichtliche *********igungssituation ziemlich nah am Anfang. Also Finger weg, falls dich das triggert. Falls du darauf spekulierst, dass es eine ****-Fantasy ist, wirst du allerdings auch enttÀuscht werden.
Heftig ist die Geschichte - hoffe ich jedenfalls, denn das soll sie sein - aus anderen GrĂŒnden.
âDrei Tage aus dem Knast, in dem ich so ziemlich mein ganzes Erwachsenenleben verbracht habe. Und schon bin ich wieder dabei, mich in Schwierigkeiten zu bringenâ, denkt er sich genervt. âAch, scheiĂ draufâŠâ
Es gibt Auseinandersetzungen, denen man aus dem Weg gehen sollte.
Die kleine StraĂenschlacht zwischen Rechten und Linken im Viertel, in dem er einen Unterschlupf fĂŒr die nĂ€chste Zeit gefunden hat, gehört zu dieser Sorte. Mit der Kapuze ĂŒber dem Kopf und gesenktem Kopf geht er den herumrennenden Spinnern aus dem Weg. Seine GröĂe sorgt dafĂŒr, dass es niemand so richtig eilig hat, ihn zu fragen, ob er irgendwo dazugehört.
Seine Chancen stehen gut, irgendwo ein ruhiges PlÀtzchen zu finden und die Sache auszusitzen. Jedenfalls solange ihm niemand in die Visage schaut.
Dann hört er den Schrei aus der Gasse. Und die Chancen sind am Arsch, denn es gibt auch Auseinandersetzungen, denen man aus dem Weg gehen kann. Wenn man will.
FĂŒr Erik gehört ein panischer, weiblicher Schrei voller Todesangst in einer vermĂŒllten Seitengasse bei einer StraĂenschlacht zur Feier irgendeines Nazi-Feiertags allerdings nicht in diese Kategorie. Nicht mehr, seit er seine Mutter und seine Schwester so schreien hörte.
Schnell bewegt der 24-JĂ€hrige sich durch den Unrat in Richtung Ende der Gasse.
Er weià bereits in etwa, was er sehen wird. Und seine Erwartung wird nicht enttÀuscht. Wohl aber seine Hoffnung, rechtzeitig zu kommen.
Die unvermeidliche Auseinandersetzung stellt ihn gegen vier Glatzen. Momentan ahnen die allerdings noch nichts von ihrer allernÀchsten Lebenserfahrung mit ihm. Ihre Aufmerksamkeit gilt der Frau, deren Schrei er gehört hat.
Sie ist ganz offensichtlich von der gegnerischen Seite des fröhlichen GeprĂŒgels auf der StraĂe. Rastazöpfe, Piecings, Punkstyle bei Klamotten und Tattoos. Und ihr Pech ist, dass sie ziemlich gut aussieht. Soweit er Erik das sehen kann.
Alles kann er nicht erkennen. Ihr Shirt und ihre Hose haben es hinter sich, aber auf ihrem Mund und ihren BrĂŒsten liegen groĂe HĂ€nde und packen nicht eben zĂ€rtlich zu. Und zwischen ihren Beinen steht einer der Typen und amĂŒsiert sich offenbar bereits prĂ€chtig.
Die Kleine - an ihr ist wirklich nicht viel dran⊠Was zum Henker hat sie hier zu suchen? - ist jenseits gezielter Gegenwehr. Sie hatte nie eine Chance und jetzt lernt sie, weswegen sie besser Zuhause geblieben wÀre. Nur leider zu spÀt, um sie noch vor dem Schlimmsten zu bewahren.
Aber das ist natĂŒrlich kein Grund, auch nur eine Sekunde zu zögern.
âHey!â, sagt Erik.
Laut genug, um wahrgenommen zu werden. Mehr nicht.
Die Glatzen blicken auf. Aber sie lassen ihr Opfer nicht los. NatĂŒrlich nicht.
âVerpiss dich, Punk!â, schnauzt einer von ihnen.
Er hÀlt der Kleinen den Mund zu und scheint das Kommando zu haben. Auf einen Wink seines Kopfes hin wenden sich die zwei am wenigsten involvierten Typen dem Neuankömmling zu.
Erik lĂ€sst sich nicht lange bitten und korrigiert das MissverstĂ€ndnis. Als er die Kapuze zurĂŒckschlĂ€gt, runzeln sich vier Stirnpartien.
âAlterâ, macht einer von ihnen. âWarum schleichst du dich so an?â
Sie kennen ihn nicht. Aber wie sollen vier Glatzen eine Stirn mit einem auftÀtowierten Hakenkreuz missverstehen?
Erik zögert auch diesmal nicht. WÀhrend sich die MÀnner entspannen, tritt er nÀher. Und als sie sich wieder ihrem Opfer zuwenden wollen, schlÀgt er zu.
Zwei SchlĂ€ge, zwei zertrĂŒmmerte Kehlköpfe. Den Rest wird Mutter Natur erledigen.
Die beiden Ăberlebenden haben genug Zeit, sich zu fragen, was da gerade passiert ist. Genug Zeit, um sich zu erschrecken, sich verraten zu fĂŒhlen und den AdrenalinstoĂ zu spĂŒren.
Dann ist es nur noch einer. Der Typ am Kopf der Kleinen wird ebenfalls niemandem mehr wehtun. Das Knacken, als sein SchÀdel gegen die Wand knallt, die das Ende der Gasse markiert, ist mehr als eindeutig.
Der Letzte zieht sich aus dem MĂ€dchen zurĂŒck und verschwendet dabei mehr Zeit, als ihm noch verbleibt.
Erik befördert ihn mit einem Tritt vor die Brust gegen die Wand und hat bereits eine der Metallstangen, die den SchlĂ€gern als gerade nicht benötigte Bewaffnung zur VerfĂŒgung stand und achtlos auf dem Boden liegt, aufgehoben.
Vermutlich wird niemand die Leichen so schnell finden, aber wenn es passiert, sollten sie nicht aussehen, wie von einem Profi getötet. Also brauchen sie eine Nachbehandlung.
Der letzte der Vier ist auf dieser Liste der Erste und stirbt schneller, als er es verdient hÀtte. Seine beiden noch röchelnden und zuckenden Kameraden folgen ihm bald.
Die kleine Zecke realisiert derweil, dass sich etwas verĂ€ndert hat. Und natĂŒrlich versteht sie gar nichts, als sie die Augen öffnet.
Aber sie sieht. Und zwar, was ihre Peiniger auch gesehen haben. Weswegen sie gleich noch mehr in Panik gerÀt.
******** wĂ€re ja auch zu schön gewesenâŠ
Erik kann sie nicht gehen lassen. Er muss untertauchen und sie wĂŒrde jedem ihrer Freunde erzĂ€hlen, was sie gesehen hat. Das wĂŒrde zwangslĂ€ufig diejenigen, die Erik gerne wiedersehen wollten, weil er ihnen so viel Geld eingebracht hatte, auf den Plan rufen.
Er ist sich sicher, dass man die Suche nach ihm zÀhneknirschend aufgeben wird, wenn er einfach nur untertaucht. Er ist ersetzbar, und solange er nicht zur Presse oder Polizei rennt und seine Geschichte erzÀhlt, ist er auch kein extremes Risiko. Nur eine Unbekannte in der Gleichung.
Die logische Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Zumindest fĂŒr den Moment muss das MĂ€dchen mit ihm untertauchen.
Ihr gefÀllt das nicht. Als sie versucht, sich aus dem Staub zu machen und von ihm abgefangen wird, wehrt sie sich mit neuer Kraft. Todesangst lÀsst sie ihre letzten Reserven mobilisieren.
NatĂŒrlich ist sie ihm nicht gewachsen, aber er will ihr auch nicht wehtun. Nur ist er in dieser Disziplin des Nahkampfes nicht sehr erfahren. Also nutzt er das absolute Minimum seiner Kraft.
Die kleine Ratte macht es ihm nicht leicht. Sie sieht eine Chance, da sein Griff nicht sehr fest ist. Also kÀmpft sie.
Sicherlich⊠Das Gewicht ihres anderthalb Meter langen Körpers liegt irgendwo im Bereich eines seiner Beine. Aber sie ist wendig wie ein Aal. Und in etwa so kooperativ.
Das ist nicht gut. Sie muss mitspielen, wenn das glimpflich ausgehen soll.
âWillst du leben oder sterben?â, knurrt er.
Das wirkt. Sie ist sofort stocksteif und rĂŒhrt keinen Muskel mehr. Der vierfache Beweis seiner Ernsthaftigkeit liegt ziemlich breitgetreten in der Gasse.
âAlso leben?â, schlĂ€gt er vor.
Sie deutet ein Nicken an.
Und dann⊠dann fĂ€ngt sie an zu weinen. Und Erik zerreiĂt es fast.
Er wĂŒrde ihr gern sagen, dass er sie nicht töten wird. Aber selbst wenn sie ihm das glauben wĂŒrde, wĂŒrde sie seine ErklĂ€rung fĂŒr die TĂ€towierung niemals kaufen. Also muss er sie leiden lassen.
Fuck!
Wahrscheinlich ist das auch nicht besser, als das, was sie gerade noch erlebt hat.
Zusammen mit Erik verbringt sie Stunden hinter einem MĂŒllcontainer. Er hĂ€lt sie fest. Die Hand auf ihrem Mund, damit sie nicht schreit. Sicherheitshalber.
Er muss die Dunkelheit abwarten. Sein auserkorenes Versteck ist nicht weit, aber wenn ihn irgendwer mit dem fast nackten MĂ€dchen sieht, ist es nicht mehr sicher. Also muss sie weiter leiden.
âIch werde dir nichts tunâ, raunt er ihr ins Ohr.
Sie schluchzt nur.
âIch habe die Vier nicht von dir weggeschafft, um dich zu verletzen. Aber ich kann dir auch nicht trauen, also musst du bei mir bleiben, bis es sicher ist, dich gehen zu lassen.â
Ihr Schluchzen wird stÀrker.
Verdammt! Was hat er gesagt, was sie in Angst versetzt?
âAbgesehen von der Auffrischung der Erinnerung daran, dass du vier Leute vor ihren Augen umgebracht hast, meinst du?â, stellt er sich selbst die Gegenfrage. âDu Vollidiot!â
Das ist der Beweis. BĂŒcher ĂŒber Diplomatie und Psychologie zu lesen ist einen ScheiĂ wert, wenn man das Wissen nicht auch umsetzen kann.
GlĂŒcklicherweise beruhigt sie sich bald wieder und er versucht, sie so sanft wie möglich zu halten. Aber er muss aufpassen. Die StraĂenratten von heute - und sie ist eine, da ist er sich sicher - sind ganz sicher nicht langsamer als zu seiner Zeit.
Und als er in ihrem Alter war, war er verdammt flink.
Als die DĂ€mmerung herannaht, wird aus ihrem stĂ€ndigen Zittern ein SchĂŒtteln. Sogar ihre ZĂ€hne klappernâŠ
âOh, Erik!â, sagt er sich. âDu dĂ€mlicher Vollpfosten! Sie friert!â
Das Schluchzen ist sofort wieder da, als er sich erhebt und sie an die Wand drĂŒckt.
NatĂŒrlich versteht sie nicht, weswegen er sie mit einer Hand ĂŒber dem Mund fixiert und mit der anderen aus dem MantelĂ€rmel schlĂŒpft.
Ihre Augen verraten ihre Vermutung. Ebenso wie die neuen TrÀnenströme.
Als er die Hand wechselt, versucht sie nicht zu schreien. Aber das als gutes Zeichen zu werten wĂ€re wohl zu optimistisch. Die Angst schnĂŒrt ihr eher die Kehle zu.
Sie begreift erst, als er den Mantel aus hat, sie vorwĂ€rts zieht und ihn ihr umlegt. Erst dann tritt fĂŒr einen Sekundenbruchteil irritierte Dankbarkeit in ihren Blick, bevor das Misstrauen wieder ĂŒberwiegt.
Aber wenigstens zittert sie nicht mehr, als er sie wieder in den Arm nimmt und ihren RĂŒcken an seine Brust zieht.
Mit der Dunkelheit wird es ruhiger.
Was sich zunĂ€chst zu Krawallen ausgewachsen hat, verebbt nun. Nachts sind alle Katzen grau und auĂerdem kommen dann andere Raubtiere hervor. Auch solche, die Katzen besonders delikat finden.
Erik fĂŒrchtet diese menschlichen RĂ€uber nicht. Aber auf eine Begegnung legt er auch keinen Wert. Also wird es Zeit aufzubrechen.
âWir gehenâ, erklĂ€rt er. âEs ist nicht weit und dir wird nichts passieren.â
Sie nickt langsam.
NatĂŒrlich versucht sie es, als er mit ihr an der StraĂe ankommt.
In dem Moment, in dem er sich umsieht, will sie sich losreiĂen. Er zuckt nicht einmal zusammen. Selbst mit all ihrer Kraft kĂ€me sie nicht gegen eine seiner HĂ€nde an.
Worte sind unnötig. Sie musste es versuchen. Er nimmt es ihr nicht ĂŒbel. Stattdessen hebt er sie hoch und trĂ€gt sie die zweihundert Meter bis zu seinem Unterschlupf.
Es ist eine Ruine. Ein abgebranntes Haus mit kaum mehr als in paar WĂ€nden vom ErdgeschoĂ.
Und einem Keller, fĂŒr den Erik den SchlĂŒssel hat, der all die Jahre seit dem *** seines GroĂvaters an seinem Platz lag, ohne gefunden zu werden.
NatĂŒrlich gibt es andere Wege in den Keller zu gelangen. Nichts von Wert ist darin zurĂŒckgeblieben. Nichts auĂer Opas ganz privatem Geheimzimmer. Dort hat Erik alles unverĂ€ndert vorgefunden.
Das MĂ€dchen kennt den Keller. Er merkt an ihrer Anspannung, wie sehr es sie ĂŒberrascht, das er einen SchlĂŒssel hat. Und dann an ihrem Keuchen, wie fassungslos sie ist, dass es einen geheimen Raum dort gibt.
Das unmittelbar folgende, röchelnde Luftholen gilt allerdings mehr dem Interieur, wie er annimmt.
Ja. Opa war ein Nazi. Noch nicht geboren, als der Krieg stattfand, aber von einem ideologisch reinrassigen und straffrei entkommenen Parteimitglied in bester Tradition erzogen.
Das Zimmer ist voller Andenken an eine andere Epoche. FrĂŒher war Erik davon zutiefst beeindruckt. Heute bedeutet es ihm nichts mehr.
Aber der Kleinen bedeutet es etwas. Es bedeutet ihr, in der Hölle zu sein.
Als er die TĂŒr hinter sich verschlossen hat, ist sie frei. Mit hochgezogenen Schultern versteckt sie sich in seinem Mantel und sieht sich angewidert um.
âMachs dir bequemâ, bietet er an. âDa hinten ist eine Toilette. Es gibt sogar flieĂend Wasser aus dem Hahn, falls du dich waschen willst. Aber es ist kalt.â
âNazischwein.â
Erik zieht eine Augenbraue hoch. Das Wort geht ihm Lichtjahre am Arsch vorbei. Aber das kann sie nicht wissen.
âIst das schlau?â, fragt er.
Sie starrt ihn feindselig an.
âVergiss es.â Er winkt ab. âDenk, was du willst.â
Als er sich abwendet, springt sie zur TĂŒr. Aber daran kann sie rĂŒtteln, soviel sie will. Opas Raum ist ein kleiner Luftschutzkeller. Ziemlich sicher, wenn man nicht gerade einen Atomkrieg erwartet.
Erik setzt sich, lehnt sich zurĂŒck und schlieĂt die Augen.
Nicht, weil er wirklich schlafen will. DafĂŒr ist er zu aufgekratzt. Aber die Kleine soll sich ein wenig beruhigen, und wenn er sich ruhig verhĂ€lt, gelingt ihr das sicherlich besser.
TatsĂ€chlich erweist sich diese angewandte Erkenntnis aus âPsychologie Heuteâ von vor zehn Jahren als richtig. Eines Fluchtweges beraubt und mit einem ideologischen Gegner vor der Nase, der sich auf kein StreitgesprĂ€ch entlassen will, sieht sie sich noch einmal um. Dann verschwindet sie im Bad.
Den GerĂ€uschen nach zu urteilen reiĂt sie zuerst einige Bilder von den WĂ€nden und wĂ€scht sich dann. Letzteres sehr lange und ausgiebig. Interessante PrioritĂ€tenverteilung.
Erik nutzt die Zeit, um eine Konserve zu öffnen. Die VorrĂ€te sind ein Jahrzehnt alt. Aber sie sind fĂŒr ein Jahrhundert ausgelegt. So in etwaâŠ
Nach einer guten halben Stunde kommt sie wieder. Seinen Mantel gibt sie nicht auf. VerstÀndlicherweise.
âHunger?â
âNazifrass.â
âDas Spiel können wir ewig spielen.â
Er dreht sich zur Kommode, öffnet die Schublade und erwartet ein paar Klamotten von seinem GroĂvater. Er findet etwas anderesâŠ
âFuck!â
Ungebeten und unvermeidlich sind die TrÀnen da.
âReiĂ dich zusammen, Erik!â
Langsam und mechanisch nimmt er das Kleidchen aus der Schublade.
Es gehörte seiner Schwester. Es war ihr Lieblingskleid, als sie etwa im Alter der Kleinen gewesen war. Warum musste er ausgerechnet auf sowas stoĂen?
Kurz streichelt er ĂŒber den Stoff. Dann reiĂt er sich zusammen.
âHier.â
Er reicht das Kleid ohne einen Blick zur Seite. Mehr zu sagen ist nicht drin. Mehr gibt die Stimme nicht her.
âIch will deinen NaâŠâ
âNicht! Bitte⊠Beschimpf mich, den Raum, meinen GroĂvater, aber lass sie da raus. Sie hat niemandem etwas getan.â
âAber genĂŒtzt hat ihr das auch nichtâ, fĂŒgt er in Gedanken hinzu.
Erstaunlicherweise schweigt die Kleine.
Sie nimmt sogar das Kleid und verschwindet noch einmal im Bad. Zwar trÀgt sie danach noch immer den Mantel, aber wenigstens hat sie jetzt etwas drunter.
Das ist gut.
âAlso?â, fragt sie und setzt sich.
âAlso?â, fragt er zurĂŒck.
Was wird das jetzt?
Als sie schnieft, sieht er sie an.
Sie blickt zu Boden und plötzlich ergibt alles einen Sinn. Sogar ihr streitsĂŒchtiges Verhalten.
Stille *****t dich zum Nachdenken. Und sie hat gerade ein paar deftige Dinge, ĂŒber die sie nachdenken muss, wenn sie sich nicht ablenken kann.
Das hat Erik nicht bedacht.
Er sieht sie an. Ihre Unterlippe zittert und Tropfen fallen auf ihre HĂ€nde in ihrem SchoĂ. Der Mantel klafft auf und darunter ist das Kleid seiner Schwester.
Sollte er� Ach, fuck it!
âSchlieĂ die Augen.â
Sie schreckt hoch und sieht ihn an. Misstrauisch. VerÀngstigt.
âVertrau mir.â
âJa genauâ, sagt seine innere Stimme. âDas wird sie jetzt mit Freuden tun.â
Aber sie tut es. Langsam. Zögerlich.
Sie zuckt zusammen, als er sich auf das winzige Bett setzt, an dessen FuĂende sie sich niedergelassen hat. Und noch einmal, als er sie in den Arm nimmt und mit sich zieht.
Dann verharrt sie regungslos wie ein kleines Nagetier im Angesicht der Schlange. Minutenlang.
Als sie anfÀngt zu weinen, ist es wie eine Kapitulation.
Erik kann ihr nicht helfen sich abzulenken. Darin ist er nicht gut. Aber Einsamkeit und Verzweiflung versteht er.
Er kann sie halten. Und trotz der riesigen Kluft zwischen ihnen ist es das, was sie jetzt am meisten braucht. Also klammert sie sich an ihn, wie eine Ertrinkende.
Und weint.
Stundenlang.
Zweiundsiebzig Stunden spÀter ist alles fast gleich. Und doch völlig anders.
Der Raum bietet keine Bewegungsfreiheit. Und er drĂŒckt aufs GemĂŒt. Aber er ist sicher.
Es gibt Essen, ein Bett, ein Klo, flieĂend Wasser und genug WĂ€rme. Zumindest unter der Bettdecke.
Erik liegt weiterhin im Bett und hÀlt das MÀdchen im Arm. Sie hat nicht viel gesprochen, aber etwas gegessen. Und nun hört sie zu.
âRede mit mirâ, hatte sie nach einigen Stunden unruhigen Schlafs gesagt. âBitteâŠ!â
Aber Erik ist kein ErzÀhler. Also liest er ihr etwas vor.
Mittlerweile ist es mehr als eine Ablenkung. Mittlerweile hört sie genau zu und folgt der Handlung.
Er merkt es an der Art, wie sie manchmal fester zupackt, wo sie sich an ihm festhÀlt. An der Art, wie sich ihre FingernÀgel in seine Haut graben. Und daran, wie die TrÀnen darauf tropfen.
Es ist kein lustiges Buch. Eher das exakte Gegenteil.
Der Titel lautet âDas wunderbare Ăberlebenâ und es ist von einem polnischen Juden nach seinen Erfahrungen im Zweiten Weltkrieg geschrieben worden.
Dass Erik gerade dieses Buch zur Hand hat, kommt ihm wie ein Wink des Schicksals vor. Denn es schlĂ€gt eine BrĂŒcke zwischen ihm und dem MĂ€dchen, die er niemals selbst hĂ€tte schaffen können.
Es hat ein bitteres Ende, aber es handelt von Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit. Und es handelt von Menschen, die sich ĂŒber ideologische Grenzen hinweg verstĂ€ndigen.
Es ist ein gutes Buch.
Drei Tage hat er gebraucht, um es vorzulesen. Sie hat ihm wenige Pausen gegönnt. Und er war froh, etwas zu tun zu haben.
Nun ist es vorĂŒber und er fĂŒhlt sich, als wĂŒrde er eine ErkĂ€ltung bekommen. So viel spricht er sonst in zwei Jahren nicht.
Aber es ist gut, denn die Kleine denkt nun ĂŒber etwas anderes nach als das, was ihr wiederfahren ist. Sie beweint nicht mehr ihr Schicksal.
Zu Tode erschöpft von der fast ununterbrochenen Wachphase schlĂ€ft sie ein. Und Erik schlieĂt ebenfalls die Augen.
*****
Als sie aufwacht, ist ihr sofort bewusst, wo sie sich befindet. Aber diese Erkenntnis hat ihren Schrecken verloren.
Der GroĂe - sie hat ihn noch immer nicht nach seinem Namen gefragt - schlĂ€ft. Sie weiĂ das sicher, denn ihr Kopf liegt auf seiner Brust. Sein leichtes Schnarchen lĂ€sst sie fast mit vibrieren.
Aber es war auch dieses Schnarchen, das ihr den Halt gegeben hat, wenn sie aus dem Schlaf hochschreckte. Die TrÀume sind vage geblieben. Dank des⊠Nazischweins.
Langsam öffnet sie die Augen und blickt auf seine Haut. Hakenkreuze sind nicht das Einzige, was dort eigentlich ihre Wut erregen musste. Aber diese Gedanken sind so fernâŠ
Wie er ihr vorgelesen hat⊠Anfangs so unsicher und dann immer fester. Er kannte das Buch schon. Aber welche Glatze liest denn solche BĂŒcher?
Oder erschlÀgt in Sekundenschnelle vier andere Glatzen, was das angeht?
Er wird ihr nicht wehtun. Das hat er gesagt und jetzt glaubt sie ihm.
Er hĂ€tte schlieĂlich auch schon lĂ€ngst gekonnt. Er ist so stark, dass sie es kaum fassen kann. So unglaublich groĂ und massiv undâŠ
Schluss damit. Das fĂŒhrt nirgendwohin!
âVielleicht ist er ja schwul?â, fragt sie sich dennoch weiter.
Gedankenverloren fÀhrt sie mit dem Finger das Symbol der Schreckensherrschaft nach, deren ewig gestrige AnhÀnger sie ihr Leben lang gehasst hat.
Nein. Er ist nicht schwul. Sein StÀnder mag schlafbedingt sein, aber er reagiert ganz bestimmt auf ihre Anwesenheit.
Es ist warm im Raum. Stickig nach so vielen Tagen. Es mĂŒssen viele gewesen seinâŠ
Lisa löst sich langsam von ihm und richtet sich auf. Sein Schnarchen verstummt. Aber es spielt keine Rolle.
Oder vielleicht spielt es auch die HauptrolleâŠ
Langsam zieht sie sich das Kleid aus. Es bedeutet ihm etwas. Das hat sie ihm angesehen. Aber es ist zu warm.
Sie hat nichts sonst. Aber sie braucht auch nichts sonst. Es ist warm. Sie ist sicher. Er wird ihr nichts tun.
Sie legt sich wieder hin. Schmiegt sich an den schrecklichen Körper. FÀhrt wieder mit dem Finger die Konturen nach.
Lisa hasst dieses Symbol. Das ist eine Tatsache.
Er ist wach. Kein Zweifel. Und seine Erregung steigt.
âDu bist kein Naziâ, stellt sie fest.
âNein.â
âAber du warst einer.â
âJa.â
âHast du jemalsâŠ?â
âNein!â
Er sagt es so hart und leidenschaftlich, dass sie nicht zweifelt.
âWarum dann?â
Sie muss es wissen!
âMeine Familie hing an dieser Idee wie an einer Lieblingsjackeâ, erklĂ€rt er. âIch habe selten ĂŒber den Tellerrand gesehen. Aber wenn ich es tat, waren da nur die TĂŒrken, die Russen und die anderen Gruppen. Nur Feinde. Aber gemeinsam waren wir stark.â
âAlso musstest du dazugehören. Zum SchutzâŠâ
âNein. Ich glaubte. Wahrscheinlich mehr als die meisten anderen, weil ich mehr ĂŒber die Vergangenheit wusste.â
âAberâŠ?â
Er stockt.
âKein Aber. Ich habe erst im Knast verstanden, dass jede Ideologie Blödsinn ist und es nur einen Gott gibt.â
âDu glaubst an Gott?â, keucht sie erstaunt.
Das kommt ĂŒberraschend!
âJeder glaubt an diesen Gott. Geld ist allmĂ€chtig und seine Macht ist unĂŒbersehbar.â
Lisa schweigt. Das muss sie ĂŒberdenken.
Geld. Kapitalismus. Nationalsozialismus.
Wie kann er angenehm riechen, obwohl er sich tagelang nur gewaschen hat?
Wie schlimm riecht sie selbst wohl?
WĂŒrde es ihn stören?
Als sie seine Brust kĂŒsst, fragt er:
âW-was tust du?â
Lisa spĂŒrt eine Welle der WĂ€rme und Zuneigung, als sie diesen hilflosen, unsicheren Tonfall hört.
Er ist so stark. Er hat ihr das Leben gerettet. Und nun ist er hilflos.
âNichtsâŠâ, haucht sie, kombiniert mit einem zweiten Kuss.
âKleinesâŠâ
âLisaâ, korrigiert sie.
Er will etwas antworten, aber sie rutscht zu ihm hinauf.
Er trĂ€gt noch seine Hose. Nur das Shirt hat er irgendwann abgelegt. Aber trotzdem spĂŒrt sie seinen Schwanz an ihrem Bein, als sie es darĂŒber gleiten lĂ€sst.
Sie kĂŒsst seine Lippen und er starrt sie an.
Angst steht in seinem Blick.
Angst?
Vor ihr?
Sie schaut genauer hin.
Er ringt mit sich. KĂ€mpft.
ErâŠ
Er will ihr nicht wehtun!
âMach mir schöne Erinnerungen und töte die schlechten, wie du die Bastarde getötet hastâ, wispert sie.
Warum weint sie dabei?
âKleinesâŠâ, stöhnt er gepresst, denn sie reibt ihren Unterleib an seinem StĂ€nder. âLisaâŠ!â
âJa! Sag meinen Namen. Und sag mir deinen, damit ich ihn schreien kann, wenn ich kommeâŠâ
Das ist verrĂŒckt. Ohne jeden Zweifel.
Aber sie kann nicht anders. Er⊠braucht es. Und sie⊠will es.
Ruckartig richtet er sich auf. Aber Lisa hĂ€lt sich fest. SchlieĂt ihn in die Arme und presst ihre Brust an seine.
Seine Kiefer mahlen. Eine Ader an seiner SchlÀfe pocht.
Er kĂ€mpft. FĂŒr sie. Um sie zu schĂŒtzen.
âJa!â, denkt sie. âKĂ€mpf weiter. KĂ€mpf, bis du nicht mehr kannst. Und dann fick michâŠâ
âWir können nichtâŠ!â, grunzt er.
âDu kannst. Ich fĂŒhle es sehr deutlichâ, haucht sie lockend.
âDu⊠IchâŠâ, stammelt er.
Hilflos drĂŒckt er sie gegen die Wand und versucht, ihre Arme an seinem Nacken zu lösen.
Lisa schlingt dafĂŒr die Beine um seine HĂŒften.
Ihr Stöhnen ist ungeplant, aber was soll sie tun? Er fĂŒhlt sich einfach so gut an.
âWir sollten nicht⊠Du hast doch erstâŠâ
âIch wollte noch nie einen Mann so sehr wie dichâ, sagt sie. Es sprudelt einfach heraus. âIch hasse, was du darstellst. Und ich liebe, was du bistâŠâ
âDu kannst nichtâŠâ, knurrt er fast schon wĂŒtend.
âIch kannâŠâ
Mit den freien HÀnden greift sie nach unten und öffnet seine Hose.
Sex war immer ein netter Zeitvertreib und eine Drohung zugleich. Aber niemals exakt im gleichen Moment. Niemals so wie jetzt.
Er ist pure Gewalt. Er ist so groĂ, dass es wehtun wird. Und es wird wunderbar sein.
âFĂŒhlst duâ, fragt sie, âwie sehr ich dich willâŠ?â
Seine Eichel liegt frei und steht vor ihrer Muschi.
Es ist feucht dort. Sie weiĂ es.
Er vibriert vor Anspannung. Seine Muskeln sind zum ZerreiĂen gespannt. All seine Kraft auf die Beherrschung konzentriert.
Er starrt sie an.
Seine Augen verraten, wie sehr er sie will. Mehr als alles andere.
Aber er wird es nicht tun. Wegen ihr wird er nicht aufgeben.
Etwas passiert. Aber nicht bei ihm. Bei ihr. In ihr!
So ist es noch nie gewesen.
Er berĂŒhrt doch nicht einmal ihren KitzlerâŠ
âGott!â, presst sie hervor. âIch komme! Deinen Namen!â
âWas?!â
âDeinennamen!â
âErik?â
Alles dreht sichâŠ
Um ErikâŠ
Instinktiv zieht sie mit ihren Beinen an ihm, wĂ€hrend ihr schwindelig von einem GefĂŒhl wird, wie sie es sonst kaum selbst hervorrufen kann.
Sie zieht, aber er bleibt standhaft. RĂŒhrt sich keinen Millimeter.
Im Gegensatz zu LisaâŠ
âOhmeinGottErik!â, schreit sie.
âFuck!â, stöhnt er zur gleichen Zeit.
Es ist, als wĂŒrde eine kleine Faust in ihren Körper eindringen.
Der Schmerz ist so intensiv, dass er nicht mehr wehtut.
Er tut⊠guuut!
âSag-mirâŠâ, japst sie, âdu-mich-liebst!â
âFuck!â, stöhnt er wieder.
Immer weiter und weiter sprengt er sie auf. Das GefĂŒhl rast durch ihren ganzen Körper.
Sie bekommt keine LuftâŠ
âNie-mals-ver-lass-senâŠâ, winselt sie hilflos.
âLisa!â
âJa!â, denkt sie, wĂ€hrend sie vor GlĂŒck aufschreit. âJa! Er tut es!â
Erik verliert den Kampf mit seiner Selbstbeherrschung und seine HĂŒfte bewegt sich.
Die IntensitÀt ist unertrÀglich. Aber Lisa will mehr.
Niemals in ihrem Leben hat sie sich so lebendig gefĂŒhlt, wie in diesem Moment.
Der Mann vor ihr mit den Hakenkreuz-TĂ€towierungen ist ihr personifizierter Teufel. Und trotzdem rettet er ihre Seele.
Die Jahre des ewigen Katz-und-Maus-Spiels mit all den anderen Jugendlichen der Gegend sind vorbei. Lisa hat einen Mann gefunden. Und an seiner Seite wird sie niemand anderen mehr mit ihrem Körper bezahlen mĂŒssen. Nur noch ihn, bei dem die Rechnung sie fast *******t.
Ihr unterentwickeltes Schmerzempfinden hat endlich einen wĂŒrdigen Gegner gefunden. Und ihr abgestumpfter Verstand ist endlich hellwach.
Sie fĂŒhlt!
Sie weiĂ nicht, wie tief er in ihr steckt. Aber sie fĂŒhlt, wie er kommt.
Er schreit es heraus, aber sie fĂŒhlt es auch.
Dann stöĂt er einmal zu und ihr gehen fast die Lichter aus.
Ihre Körper pressen sich aufeinander und er ist in ihr. Ganz und gar in ihr.
Er hat einen Punkt passiert, den niemals zuvor ein Mann erreicht hat. Aber ihm gelingt es und er verströmt sich dort, wo er die Saat fĂŒr neues Leben pflanzen könnte.
Seit Jahren fĂŒrchtet sie das Leben.
Nun - noch nicht sofort, aber bald - fĂŒrchtet sie zum ersten Mal den ***.
Eines der Ergebnisse meiner Phase, in der ich einige âGegensĂ€tze ziehen sich anâ AnsĂ€tze angefangen habe. Zecke/AuslĂ€nderin/Pazifistin liebt Skin/Hooligan - das war die vage Ausgangslage und bei diesem Ding hier kam die - fĂŒr mich doch eher neue - 3te Person PrĂ€senz als Perspektive dazu.
Ich wĂŒrde es nicht fertig nennen, aber als ich es gestern mal wieder zur Hand nahm, fand ich es auch nicht unfertig. Mir kam es so vor, als wĂŒrde die Perspektive mit dem Thema harmonieren und ich wollte mal sehen, wie andere das empfinden. Betrachtet es als Kurzgeschichte. Ob ich es weiterschreibe, werde ich sehen, aber so kann man es mit offenem Ende ja durchaus stehen lassen.
Interessieren wĂŒrde mich, was fĂŒr GefĂŒhle es weckt und ob es eben wirkt.
12 years ago